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Prof. Bernhard Meyer: Spielraumrisiko
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Das Wissen darum, was Kindern "gut tut" und was Kinder "so wollen", ist nicht immer einfach. Wir Erwachsenen haben im Laufe unsere Biographien da so unsere Vorstellungen entwickelt, die zwar meist in Ordnung sind, aber auch von Vorstellungen geprägt, von denen Kinder wirklich unbefangen sind. Um die Vorstellungen und das Wissen der Eltern und der Pädagogen etwas zu vermitteln, gibt es anbei Texte, die in wissenschaftlicher Sicht - aber auch in "Menschenverstand" - untersuchen, beurteilen und beschreiben sowie Lösungen oder Ideen bieten.
Prof. Bernhard Meyer: Spielraumrisiko
Stadtentwicklung mit Kindern und Jugendlichen
Einleitung
Ein Kind ist hingefallen. Das Knie blutet. Es weint und wird getröstet. Die Wunde wird versorgt. Die Suche nach dem Schuldigen beginnt. Ist die Kommune zu belangen, die einen Spielplatz unterhält, bei dem das Kind Verletzungen erleiden kann? Hat die Erzieherin die Aufsichtspflicht verletzt? War ein anderes Kind schuld? Es soll noch Erwachsene geben, die sich daran erinnern, dass immer ein Knie gepflastert war. Sind Kinder heute empfindlicher? Wieso proben Eltern vermehrt den Aufstand bei jeder kleinen Verletzung? Wenn die Tränen bereits getrocknet sind, diskutieren Erwachsene munter weiter und machen sich wechselseitig Vorwürfe.
Was ist ein Risiko? Wenn es nach dem Soziologen Niklas Luhmann geht, dann ist das Risiko als eine Gefahr oder Gefährdung definiert, die ein Handelnder selbst durch sein Handeln erzeugt. Wenn man es so sieht, enthält jedes Handeln ein Risiko, nämlich nicht erfolgreich zu sein, zu scheitern. Allerdings wird jeder und jede versuchen, diese Gefahr ständig zu verringern. Risiken stellen also eine Restkategorie von Gefahren dar, die trotz aller Bemühungen um Sicherheit bestehen bleiben.
Der Prozeß des Abwägens möglicher Gefahren setzt deren Kenntnis voraus. Wir müssen uns dabei entweder auf unseren eigenen Erfahrungsfundus verlassen oder die möglichen Gefährdungen werden uns durch andere vermittelt. Insofern müssen Risiken als Bestandteil des Zivilisationsprozesses angesehen werden.
Aus der Erwachsenenperspektive ist der Blick dafür verlorengegangen, dass ein Risiko auch produktiv wirken kann. Bedrohliche atomare und ökologische Risikolagen, über die auch täglich geredet wird, binden die Aufmerksamkeit. Um deren Ausmaß, Grund und Dringlichkeit wird gekämpft. Dabei sinkt die Katastrophenschwelle ständig und das Sicherheitsbedürfnis wächst. Dass man auch in der Auseinandersetzung mit eigenen Handlungsrisiken wachsen kann, gerät in Vergessenheit. Irgendwann ist es zum Beispiel so weit: man steht vor einem Baum mit herrlichen Früchten. Weit und breit keiner, der einen daran hindert, sie abzupflücken. Nur auf den Baum klettern und schon ist man am Ziel seiner Wünsche. Die einen weichen dieser Herausforderung aus, die anderen stellen sich ihr und können daran scheitern. Sie können Abrutschen, herunterfallen, sich die Haut aufschürfen, aber sie können es auch schaffen mit feuchten Händen und nass geschwitzt. Aber erst die persönliche Bewältigung des Risikos macht stolz. Und es sind diese kleinen "Siege", die später die Erinnerung beleben.
Aber wieso wollen Menschen heute Sicherheiten nicht durch Handeln gewinnen, sondern bereits vorher erlangen? Warum soll erst die Sicherheit des Weges zum Spielplatz hundertprozentig gewährleistet sein, bevor das Kind aus dem Haus gelassen wird? Und wenn es dann einen anderen Weg geht?
Auf einen Zusammenhang von Knappheit und Bedürfnis weist der Sozialwissenschaftler Reiner Gronemeyer hin: Bedürfnisse richten sich immer nur auf knappe Lebensgüter. Anders gewendet: Das Auftreten von Bedürfnissen ist immer ein Signal dafür, dass die ihnen entsprechenden Gegenstände zuvor knapp geworden sind, besser "verknappt" worden sind. Angesichts der ansteigenden Risiken und Bedrohungen, die gesellschaftlich existieren, wird Sicherheit knapp und verursacht das Bedürfnis, "Sicherheit dadurch zu gewinnen, dass sie jeglicher Bedrohung standhält". Doch wenn dies im Straßenraum und auf Spielplätzen keine Frage des eigenen Vertrauens ist, noch (wegen der eigenen Abwesenheit) von den persönlichen Fähigkeiten abhängt, dann wird der Blick auf die Gefahrenerkennung trainiert und das Misstrauen steigt.
So wird zum Beispiel bei dem exklusiven Kinderort, der gesellschaftlich bereitgestellt wurde, dem Spielplatz, das Risiko im Wege der Versicherung bearbeitet. Es entsteht ein Typus von Rationalität, der von der Wahrscheinlichkeitsrechnung formalisiert wird . Zunächst einmal ist das Risiko kalkulierbar. Das unterscheidet die Versicherung von einer Lotterie. Die Statistik stellt die Regelmäßigkeit von Ereignissen fest und die Wahrscheinlichkeitsrechnung wird darauf angewendet. Auf diesem mathematischen Wege lassen sich alle Geräte und Spielplatzkonstellationen im Laufe der Zeit eliminieren, die versicherungsrelevant sind. Auf Spielplätzen wird also an einer Minimierung der Versicherungsrisiken gearbeitet. Gemeindeunfallversicherungsverband und die technischen Überwachungsvereine sind hier die Partner.
Weiterhin ist die Versicherung kollektiv. Nur im Maßstab einer begrenzbaren Population wird das Risiko kalkulierbar. Diese Tendenz wird durch Altersbegrenzungen und territoriale Begrenzungen gestützt. So versichert wird aus einem Risikoort für Eltern (und Träger) ein legitimierter Ort, dessen Schadensereignisse dann individuell zugeschrieben werden und trotzdem kollektiv versichert sind. Bei diesen mannigfaltigen gesellschaftlichen Anstrengungen sehen sich Eltern entlastet. Das Spiel auf dem Spielplatz gestaltet sich als abgesicherter, risikoloser Aufenthalt. Wenn Kinder dann Langeweile reklamieren, wird mehr Attraktivität gefordert, doch bleibt dies eingebunden in die aufgezeigte Versicherungsphilosophie.
Zwischen dem Kinderrisiko, das sich im Gefolge der Neugier, der Aneignung ergibt, und sich manchmal auch als Angst Lust Zusammenspiel darstellt, und dem Erwachsenenversicherungsrisiko lässt sich nicht vermitteln, da die Perspektiven zu unterschiedlich sind.
Und so entwickeln sich Risikokinder: Die Krankenhäusern melden eine Verschiebung der Verletzungen bei Fahrradunfällen von den Gliedmaßen hin zum Kopf. Im Einzelfall lässt sich erkunden, was passiert ist: Radfahrer halten sich am Rad fest, statt mit den Händen den Sturz abzufangen. Die Einsicht lautet: Fallen lernt man nur durch Fallen. Wer Kinder vor Kratzern und Schrammen bewahren will, wer ihnen jede Auseinandersetzung mit Hausmeistern, Garagenbesitzern nehmen will, wer ein Risiko nur voll von Gefahren, aber nicht voll von Chancen sieht, der entwickelt Risikokinder.
Doch weisen die Analysen zur Spielplatzsituation daraufhin, dass die Abwesenheit des Kinderrisikos am versicherten Spielort Suchbewegungen auslöst, die in erster Linie in den Straßenraum führen. Dort lässt sich das Risiko aus der Erwachsenenperspektive aber nicht aufheben, ohne eine Veränderung der Rahmenbedingungen, was dann aber nicht nur Kinder betrifft, sondern auch für Erwachsene Folgen hat.
Aushaltbares Risiko
Ein Teil der Sicherheitsinszenierung des öffentlichen Raumes stellt seine Verrechtlichung dar. Da werden nicht nur Räume definiert, sondern das erlaubte und verbotene Verhaltensrepertoire detailliert festgelegt. Und weil es definierte Spielorte, nämlich Spielplätze gibt, legitimiert dies zur Vertreibung von anderen Orten. "Geh' auf den Spielplatz", klingt so nicht nur wie eine freundliche Einladung, sondern wie eine Vertreibungsdrohung. Warum also nicht der Stadtteil, durch den man sich hindurchspielen kann mit vielen Erfahrungsobjekten und Spielräumen?
Innere und äußere Sicherheit korrespondieren miteinander. Kinder, die in unsicheren Verhältnissen leben, spiegeln dies genauso wieder, wie Erwachsene. Doch Bedrohungen für Kinder im öffentlichen Raum lassen sich genauso wenig individuell wegberaten wie persönliche Unsicherheiten durch ein Kinderparlament beseitigt werden können. Im Sinne der Balance wird beides gebraucht. Sich geschädigter Kinder heilend anzunehmen, aber auch selbstverständlich und präventiv die Kinder an der gesellschaftlichen Entwicklung zu beteiligen, sind gleichberechtigte Aufgaben. Das Ziel kann nur das aushaltbare Risiko für alle Beteiligten sein.
Wenn ich an meine Kindheit denke, so stellt sich eine beschauliche Stimmung ein. Sicherlich mag da vieles herausgefiltert sein, aber es bleiben deutliche Momente einer angenehmen Erinnerung. Zum Beispiel: an den Durchgang zum Hof neben dem Haus. Ungepflastert haben wir den festen Boden mit Hölzern, Steinen, Tonscherben, immer wieder aufgekratzt und in die lockere Oberfläche Straßen hinein modelliert, Garagen eingerichtet und die WikingAutos auf Tour geschickt. Wenn man heute Kinder fragt, wo sie spielen, so heißt die erste Antwort: auf dem Spielplatz. Und ich fragte mich, ob es sie nicht mehr gibt, die Spielräume, die nicht als Spielplatz zugeteilt sind?
Auf der Suche nach Spielräumen
Da spielen Kinder mit Murmeln an der Wand des Hochhauses, gleich neben der Eingangstür, da wird der Ball gegen die Häuserwand geworfen, Pfeile auf dem Kanaldeckel gespitzt, auf dem Mauersims balanciert, sich im Unkraut versteckt, auf Betonpoldern Bockspringen versucht. Doch Spielraum zu haben, heißt nicht nur Platz zu haben, sondern auch Entscheidungsfreiheit; die Möglichkeit, sich die Umwelt aneignen zu können, selbst zu bestimmen, einwirken zu können. Die Hinweisschilder, die Gebote und Verbote, mit denen der Lebensweg der Kinder umstellt ist, kennen wir zur Genüge. Doch bleibt noch Spielraum? Kinder nehmen sich Spielraum, wenn sie die Tischtennisplatte, die Hersteller und das aufstellende Gartenamt nicht als Sitzgelegenheit vorgesehen hatten, im wahrsten Sinne des Wortes "besetzen". Oder wie hier die Baustelle, deren Bodenbelag von Kindern als Lego definiert wird. Oder wer käme schon auf die Idee, daß dies eine "Tankstelle" ist, wenn nicht Kinder.
Kinder haben sich offensichtlich Spielraum geschaffen, entgegen den Absichten Erwachsener. Aber wofür haben wir schließlich Spielplätze? Ein Spielplatz ist nicht nur öffentlich von den Besitzverhältnissen her, er ist auch offen für jede Beobachtung. Die geheimen Plätze der Kindheit, unbeobachtete Ecken und Speicher, Keller, Nischen verschwinden zusehends. Auch sie sind Spielraum, Orte einer eigenen Welt. Manchmal findet man in Altbaugebieten noch letzte Reservate. Da gibt es zumindest teilweise noch jenes geheimnisvolle Dunkel; verwilderte Ecken ("Erwachsene Zutritt verboten") oder niedergetretenes Gras, das mit Indianeraugen betrachtet die Geschichte geflüchteter Feinde erzählt.
Wir leben heute in der guten alten Zeit von Morgen. Werden es diese kleinen Lücken sein, an die sich die Erwachsenen morgen erinnern werden? Oder wird es der Modellspielplatz mit industriell gefertigten Normgeräten DIN und TÜV geprüft sein?
Die Existenz von Kindern ist oft nicht im Bewußtsein bei der Arbeit in der öffentlichen Verwaltung vorhanden. Kinder sind so von anderen Sachverhalten überdeckt, daß sie keine Chance haben, entdeckt zu werden oder aufzutauchen. Die Diskussion um Kanalisation, Entsorgungswege. Feuerwehrangriffswege, Elektrischer Versorgung, Anschlußstellen, usw., an der hochgradige Spezialisten beteiligt sind, geben keine Chance, über die Folgen für Kinder nachzudenken. Jeder ist mit seinen Fachproblemen und der Verteidigung seiner Ansprüche so beschäftigt, daß eigentlich überhaupt nicht über Menschen nachgedacht wird, sondern nur über Sachfragen, die natürlich später von Menschen ausgebadet werden müssen.
Eine ebenso totale Ausgrenzung findet statt, wo Erwachsene, und zwar berufstätige, zumeist männliche Erwachsenen die Folgen eines Vorganges für sich selbst entdeckt haben. Sie sind also direkt oder als Typus, z.B. als Verkehrsteilnehmer betroffen. Und schon verschwinden alle anderen Ansprüche. Auf diese Weise treffen Väter in Gremien durchaus Beschlüsse, deren Folgen die Ehefrauen zuhause und die eigenen Kinder tragen müssen.
In diesem Alltag von Planung und Politik verschwinden dann Spielräume für Kinder, Aufenthaltsorte für Fußgänger, Erlebnisorte für Menschen. Es ist ein Dreieck aus Spezialistentum, Betroffenheit und Technikorientierung, in dem Kinder, aber auch andere Menschen verschwinden.
Aber da gibt es noch weitere Fallen, in die die Gutmeinenden tappen.
Die Erinnerungsfalle
So wie die Generationserfahrungen nicht kompatibel sind, fallen auch die Vorstellungen darüber auseinander, wie kindliche Raumentwicklung vonstatten geht. Es muß von einem "timelag" gesprochen werden, da die meisten Erwachsenen eine längst überholte Wirklichkeit konserviert haben.
Deutlich wird auf diese Weise, warum Eltern, Erzieher, Politik und Verwaltung nicht in gutmeinender Absicht etwas für Kinder tun können. Sich erinnern hilft nicht. Der Wissensbestand der Erwachsenen kollidiert mehrfach mit dem aktuellen Wissen der Kinder. Erwachsene müssen auf historisches Wissen zurückgreifen, das durch einen Perspektivenwechsel aktuell überlagert ist. Eltern und Erzieher können nicht mehr das Kind in sich repräsentieren, zumal sich die Lebensverhältnisse geändert haben. Politik und Verwaltung kann dies weder in Bezug auf das Kind noch auf die erziehenden Erwachsenen vollziehen.
Die Verkleinerungsfalle
Nun haben möglicherweise manche Erwachsene begriffen, daß die Welt von unten anders aussieht. Sie versuchen Kinder zu simulieren. In der Hocke sitzen sie am Straßenrand, im Entengang watscheln sie auf Kinderhöhe. Zwar kommt dies selten genug vor, aber auch hier wird eine Illusion aufgebaut. Während Kinder die ErwachsenenÜbersichtsPerspektive nicht kennen, nehmen Erwachsene ihre Kenntnisse mit nach unten. Sich klein machen hilft nicht, da Fehlendes durch die Kenntnisse von oben die Lücken ersetzen.
Die WünschDirWasFalle
Alle haben sie es schon versucht: Spielgerätehersteller, Bausparkassen und Volksbanken, aber auch Ortsverbände des DKSB: die beliebten Malwettbewerbe mit dem Motto: mein Traumspielplatz oder das kreative Spielgerät, usw. Und die Ergebnisse sind immer wieder enttäuschend: nichts Neues. Das alte und bekannte wird etwas größer, etwas bunter gezeigt. Das kommerzielle Phantasialand soll in der lokalen Baulücke reinszeniert werden. Enttäuschte Erwartungen spiegeln sich auf den Gesichtern der Auslober wieder und gelegentlich kommt es mit einem kulturkritschen Unterton sogar zu einer Kinderbeschimpfung: "Die Kinder sind heute überhaupt nicht mehr kreativ, nur noch Konsum ist angesagt." Doch Kinder können nur reproduzieren, was sie kennen. Auch das Genie besteht zu 99% aus Wissen und Schweiß und nur zu 1% aus Inspiration. Deshalb hat es keinen Zweck, Kinder nach Lösung von Problemen zu fragen, die sie ohne Erwachsene gar nicht hätten. Wären städtische Umwelten nicht so verändert worden, wie sie sich heute darstellen, dann brauchte man auch gar nicht über die Attraktivität von Spielplätzen nachdenken. Die einladende Weihnachtsfrage: "Was wünscht Ihr Euch denn?" hilft nicht weiter. Trotzdem können Kinder gefragt werden nach ihren Erfahrungen. Kinder sind ausgezeichnete Erfahrungsexperten. Doch dieses Expertenwissen liegt brach. Niemand will in der Regel wissen, welche Orte, welche Spielräume sich bewährt haben, von Kindern positiv bewertet werden. Es fragt sie keiner danach, was stört, was unübersichtlich ist, wo versteckte Risiken lauern. Erst wenn man das verstanden hat, dann lassen sich auch Wünsche, die durchaus formuliert werden, deuten. In den konkreten Aussagen steckt ja der Anspruch einer bestimmten Qualität. Und die läßt sich auf vielerlei Weise herstellen. Wichtig ist es also, Kinder nach ihren eigenen Erfahrungen zu fragen.
Falsche Erinnerungen, falsche Perspektiven und falsche Erwartungen bilden das Dreieck, in dem Kinder, obwohl man sich ja mit ihnen direkt oder indirekt beschäftigt, verschwinden. Es entsteht eine Illusion der Kinderbezogenheit, während die Realität sich verabschiedet hat.
Es wird erkennbar, daß Kinder ihr aktuelles Wissen Erwachsenen zur Verfügung stellen müssen. Kinder sind als Erfahrungsexperten ernst zu nehmen .
Wenn also Kinder nicht vergessen werden sollen, oder wenn eine falsche Zugangsweise sie verschwinden läßt, dann müssen qualitative Ansprüche an eine Kinderbeteiligung formuliert werden.
Perspektivenwechsel
Deutlich wurde, daß zur Verbesserung der Situation nicht nur der (fach)politische Wille erforderlich ist, sondern auch die Umgangsweise eine wichtige Rolle spielt. Planung und Politik vollziehen sich im Überblick und werden in der Regel von NichtBetroffenen ausgeführt. Singuläre Erfahrungen, sowie eigene Übertragung werden als Hilfskonstruktion benutzt. Erforderlich ist also ein Perspektivenwechsel.
Diesen Perspektivenwechsel kann man sich nun selbst auferlegen. Aber auch das genügt nicht. In der Stellvertretung gehen immer Momente der Authentizität verloren. Perspektivenwechsel heißt also von Betroffenen lernen. Sich den Stadtteil aus ihrer Sicht zeigen lassen. Begreifen, was ihnen wichtig ist.
Dieser Perspektivenwechsel steht also einer Diagnose entgegen, die durch die Segmentierung, die Trennung der Teile, charakterisiert wurde. Also ist ein Ende der Apartheidspolitik gegen Kinder angesagt. Es wird der Vielfalt von Dingen und Bedeutungen das Wort geredet. Aus dem Spielplatz wird nicht der Spielraum, sondern die Spielräume.
Veränderung der Praxis
Niemand braucht es wirklich schlecht zu machen, damit etwas dabei herauskommt, was Kindern keinen Spielraum gibt.
Da haben zum Beispiel am Anfang die Kinder gesagt: Hier kann man gar nicht richtig spielen und haben gemeint: überall wird man weggeschickt, gestört, nicht zugelassen.
Dann sagten die Eltern: Hier können unsere Kinder nicht richtig spielen und haben gemeint: Die Autos parken die Gehwege zu, der Überweg ist gefährlich, wir können die Kinder nicht unbeaufsichtigt raus lassen.
Dies hörten Politiker und sagten: Hier muß die Infrastruktur verbessert werden und haben an die Haushaltsberatungen gedacht und an langwierige Gespräche mit der Verwaltung.
Der Verwaltung war dies alles bereits bekannt und sie hätten ja schon vor Jahren..., aber die Politiker hätten damals... und irgendwann steht dann das Geld im Haushaltsplan, irgendwann später rückt ein Bautrupp an und Geräte werden aufgestellt und irgendwann wird unter Beteiligung von Presse und Politikern, vielleicht sind auch ein paar Kinder da, der neue Spielplatz eingeweiht.
Während die Politiker sich mit den Forderungen nach altengerechten Wohnungen auseinandersetzten, dringt an ihr Ohr das Klagelied von Eltern: Hier können unsere Kinder nicht richtig spielen.
Ja aber, sagen die Politiker. Ja aber, sagen die Eltern.
Zwei Merkmale kennzeichnen diesen Ablauf: Niemand fragt genau, was gemeint ist, sondern hat bereits sein Verständnisschema bereit. Niemals haben alle Beteiligten gleichzeitig miteinander zu tun gehabt.
Damit stellt sich also die Frage nach der Veränderung von Praxis. as kann man denn anderes tun? Es muß nach den bisherigen Überlegungen eine Aktivität sein, die den Lebensraum von Kindern ganzheitlich und in ihrer Vielfalt in den Blick nimmt, die der Bedeutung von Gegenständen, Orten und Zeiten gerecht wird, die dialogisch angelegt ist, d.h. es kann nicht eine einmalige Angelegenheit sein.
Ein Spielplatz ist nur eine mögliche Lösung für kindliche Spielbedürfnisse und Umweltansprüche. Kinder haben selbst schon andere Lösungen entdeckt. Wenn also ernsthaft aus den bisherigen Überlegungen die Konsequenzen gezogen werden sollen, dann brauchen wir am Anfang nicht Modellprojekte, denn dies sind alles Lösungen. Wie aber wollen wir Lösungen anbieten, wenn wir das Problem noch nicht einmal verstanden haben.
Hier kann man ja gar nicht spielen, haben die Kinder gesagt. Wissen wir, was sie mit "hier" meinen? Kennen wir ihre Spielerfahrungen und wissen, was "richtig spielen" ist? Orte, Zeiten, Vorerfahrungenliegen im Dunkeln. Beginnen wir also mit einer Bilanzierung. Durch Beobachten, Fragen, Miterleben, Fotografieren, Aufschreiben und Zeichnen, entsteht ein Bild der Spielvielfalt im Stadtteil, aber auch der Hindernisse.
Kinder erleben ihre Umwelt aus einer Höhe zwischen 70 und 120 cm. Das wirkt sich auf die Sicht der Dinge aus. Lassen wir uns ruhig einmal von Kindern den Stadtteil zeigen lassen mit der Sofortbildkamera, bei Vorortterminen, bei gemeinsamen Kartierungen usw. Spielräume mit Kindern zu erkunden, bedeutet für die Kinder eine moderne Form von Heimatkunde, für die Erwachsenen aber einen Lernprozeß über eine verschlossene Welt.
Jetzt wissen wir schon einiges über Spielorte und Spielräume, weil wir uns auf die Kinder eingelassen haben.
Und wir sollten uns das ruhig öffentlich sagen lassen. Hearing heißt das in heutigem Deutsch. Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, Verantwortliche sitzen mal nicht bei ARD und ZDF in der ersten Reihe, sondern bei der Kinderanhörung und auf der Bühne Kinder, die Kompetenz hinsichtlich ihrer eigenen Erfahrungen im Kinderalltag haben.
Wir wissen nun, welche Orte Kindern wichtig sind und welche Bedeutung diese Orte haben. Die erste Frage lautet entsprechend: Ist durch eine zukünftige Planung einer dieser Orte bedroht? Hier gilt es, Überlegungen zur Erhaltung anzustellen. Dies ist angesichts strapazierter Kassen der einfachste Weg, Erfahrungsqualität für Kinder zu erhalten.
Als nächstes rücken alle die Orte in den Blick, die nicht im bisherigen Verständnis als Spielplatz ausgewiesen sind. Hier ist zu fragen: Wie sind vorhandene Spielräume zurückzugewinnen? Dabei werden wir feststellen, daß es vor allem die Wege zwischen den Spielorten sind, die gefährdet sind, beziehungsweise enteignet wurden. Verschwunden sind die Aufenthaltsorte im Strassenraum. Nicht nur Autos, sondern auch Menschen brauchen Parkplätze.
Und schließlich sind da die Stellen, die Kinder als gefährlich empfinden. Wohlgemerkt die Kinder. Sie wollen keine versteckten Risiken, keine aus ihrer Perspektive unübersichtlichtlichen Verhältnisse. Damit ist die nicht das AngstLustGemisch gemeint, das aus den Spielplätzen mittlerweilen herausinszeniert ist. Kinder brauchen gerade mehr Risiken, an denen sie wachsen können. Sonst werden aus versicherten Kindern Risikokindern, die sich in der Wirklichkeit nicht mehr auskennen.
In den Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen stecken immer eine der folgenden drei Qualitäten: Entweder es ist so wie es ist, positiv, macht Spaß, man kann damit was anfangen. Und diese Qualität sollte man sichern. Das kostet nicht nur nichts, sondern vermeidet auch später die Notwendigkeit, mühsam eine verlorengegangene Qualität wiederherzustellen, siehe Flußbegradigung, siehe verkehrsberuhigte Zone. Oder es macht Angst, ist gefährlich, wirkt bedrohlich. Hier geht es darum die Qualität zu verändern. Und schließlich ist manchmal einerseits alles in Ordnung, aber andererseits fehlt noch etwas. Das sollte man ergänzen.
Je weiter wir also diesen Gedanken der Stadt als Spielraum ausfüllen, desto vielfältiger, aber auch komplexer wird diese Idee und damit auch um so bedrohlicher. Es gilt nämlich, Abschied zu nehmen von der Praxis der abgeschlossenen Planung. Diese Idee erfordert einen Prozeß, in dem Bilanzierung und die Entwicklung von Spielräumen sich ständig ablösen. Jeder Eingriff in den Stadtteil, jede Veränderung entfaltet Wirkungen und Wechselwirkungen. Prozeßorientiertes Vorgehen heißt also: Es muß nicht alles auf einmal fertig sein. Es heißt auch: Es muß nicht alles so bleiben, wie es jetzt gerade gemacht wird.
Bilanz
Wichtig sind an dieser Qualität der Stadtentwicklung mit Kindern drei zentrale Aspekte:
Erwachsene lernen neuIndem sich die Spirale der Auflösung von Kindheit immer schneller dreht, hilft es gutmeinenden Erwachsenen nicht, daß sie sich zu erinnern versuchen. Es reicht auch nicht, sich klein zu machen. Für ein Verstehen ist ein Perspektivenwechsel notwendig. Die Erwachsenen sind die Fremden, die in eine veränderte Kinderwelt hinzuziehen. Damit werden Kinder zu Lehrern ihrer Lebenswelt. Die Frage lautet nicht: "Was wollen Kinder?" sondern "Wie erleben sie?". Lernende sind Eltern, Nachbarn, Politiker, Verwaltungsmitarbeiter.
Kinder erfahren neuWer die gewohnten realen und virtuellen Räume verläßt, stößt auf Erstaunliches. Stadterkundung mit Kindern stellt eine moderne Form der Heimatkunde dar, ergänzt aber auch nachträglich versäumte Kindheitserfahrungen. Und in der Rolle des Lehrers erleben sich die Kinder nicht als Objekt für haarstreichelnde Hände, zu verteilende Lutscher und von fragwürdigen Wettbewerben verschiedenster Geldinstitute. Sie werden Subjekte im Umweltlernprozeß, die ernst genommen werden, die etwas zu sagen haben, die etwas in Bewegung bringen.
Beziehungen verändern sichDie ressortierte Welt, die getrennt ist in Kinder und Erwachsenenorte, spiegelt in gleicher Weise die Politik und Verwaltung wider mit ihren spezialisierten Ausschüssen und Abteilungen. („Seid wann hat das Jugendamt/der Sozialauschuß mit dem Autoverkehr zu tun?“) Die Lebenswelt der Kinder umfaßt aber das Ganze. Eine Bearbeitung der Lernerfahrungen ist nur als Querschnittsaufgabe möglich. Unverbundenes muß neu verknüpft werden, strukturell und persönlich. Wer sonst nicht miteinander gesprochen und gehandelt hat, wird es lernen. Es geht um keine neue Stellvertretungen für Kinder, keine neuen Kinderressorts, sondern eine Verknüpfung und Koordination des bisher Getrennten. Und bis vieles selbstverständlich wird, muß institutionell und öffentlich abgesichert werden, daß der Prozeß in Gang bleibt.
Es geht nicht darum, freundlicher zu Kindern zu sein. Es geht darum, mit ihnen als Einwohner und Staatsbürger ernsthafter umzugehen. Sie sind eingeladen, neugierig zu sein. So wie Columbus Amerika entdeckte, können auch Sie .......... neu entdecken aus der Perspektive der Kinder. Jedenfalls ist es interessanter als Frremder in die Welt der Kinder und Jugendlichen hinzuziehen, als die Frage zu beantworten: „Müssen Kinder in den Garagen bleiben, damit die Autos draußen spielen können?“ Auf diese Weise wird .... anders nicht immer, aber immer öfter.
Prof. Bernhard Meyer lehrt an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt mit dem Schwerpunkt Sozialwissenschaften.